Ach ja, der dezisionistische Zwang!

Ach ja, der Musikjournalismus! In der aktuellen F.A.S. ist auf der Medienseite zu lesen, dass sich die „Spex“ von der Plattenrezension verabschieden will und statt dessen über Platten plaudern will. Genaueres kann ich dazu nicht sagen, weil ich mich nicht mit der „Spex“ beschäftige, aber in dem Beitrag von Diedrich Diederichsen steckt ein hübscher Satz. Ein hübscher Satz, den ich verstanden habe, muss ich ergänzen, denn sicher sind da noch mehr hübsche Sätze drin. Er beschreibt den Unterschied von Print- und Onlinejournalismus so:

„Natürlich leiden geschriebene und gedruckte Kritiken schon mal unter diesem dezisionistischem Zwang von Deadline und Zeilenlimit, während man im Netz in der immerwährenden Anschließbarkeit an das konstitutiv Offene des Online-Textes badet.“

Das ist hübsch und richtig und ich freue mich wie ein Schnitzel, dass ich demnächst mein Umfeld damit überraschen werde, immer wieder mal auf dezisionistischen Zwang hinzuweisen. Einsatzgebiete gibt es ja viele („Schatz, können wir endlich Essen bestellen?“, „Spielen wir erst Lego oder zerlegen gleich die Carrera-Bahn?“). Danke, Herr Diedrichsen, und das ist nicht im geringsten belustigend oder spöttisch gemeint. Die „Spex“ kaufe ich mir dennoch nicht.

Der Beitrag „Stirb langsam“ von Diedrich Diedrichsen in der „F.A.S.“

Meine heutige Playlist:

Mein Mio – Irgendwo in dieser großen Stadt.

Straight Frank – And We Walked By With A Bag Full Of Money.

Saidian – Evercircle (Tipp!)

„Prokel, prokel, laber, rhabarber, knister, blätter…“

Wundervoll: Benjamin von Stuckrad-Barre in der „SZ“ vom 27./28. September 2003 in einer Story mit dem Titel „Blind-Date mit der Jedermanns-Schlucht“ … über Vorabdrucke von Büchern, also Rezensionsexemplare:

„Entweder also nutzen die zur Strafe so genannten Multiplikatoren aus Handel, Kulturmafia und Journalismus also (…) nicht den Romanstoff, sondern das zur wohlwollenden Prüfung mit natürlich freundlichen Grüßen herzlichst übersandte Material, das Papier, ja, oder es wird un- oder, Superausrede QUERgelesen, ordnungsgemäß entsorgt, also in Papiermüll und
Metallmüll dividiert. Dabei wird telefoniert, dabei werden neue Bücher bestellt, neue Pakete ausgepackt, neuer Schmalz im Ohr gefunden. Prokel, prokel, laber, rhabarber, knister, blätter, kommt jemand mit in die Kantine, ist schon zwölf, ist noch Konferenz, bin ich schon tot? – und derart multitaskend hat man eben schnell eine Leitz-MEssingschiene durchs
Handfleisch gepflügt. Dieses Buch geht unter die Haut. Autsch. Ich hatte also Glück und Vorabexemplare.

Für den Musikjournalismus by the way 1:1 übertragbar, meine Freunde 🙂