Zugegeben nicht ganz einfach zu lesen ist ein Beitrag von Internet-Pionier Jaron Lanier über die Netzkultur: „Warum die Zukunft und noch braucht“ ist eine extrem anregende intellektuelle Betrachtung über Informationen und ihren Wert – mit ein paar sehr hübschen Fundstellen. Beispiel? „Wikipedia zum Beispiel beruht auf dem, was ich das eingebildete Orakel nenne: Man verdrängt das Wissen über die menschliche Autorschaft eines Textes, um dem Text eine übermenschliche Wertigkeit zuzusprechen. Traditionelle heilige Schriften funktionieren auf genau die gleiche Weise und werfen viele der gleichen Probleme auf.“ m.
Zu den schönsten Erfahrungen, die man als Vater von Kindern machen darf – zumindest ist das bei mir so – ist, dabei zu sein, wie sich ihr Musikgeschmack entwickelt. Wer wackelt wann mit dem Kopf, zu welcher Musik? Was könnte die Lautmalerei bedeuten, die vom Rücksitz erklingt? Aaah, das soll englisch sein, ok! Was ist wilde Musik, was Rockmusik?
Mit letzterer Frage beschäftigen sich mein ältester Sohn und ich seit wenigen Tagen. Es ging alles ganz harmlos los. Im Autoradio: Joan Jett und „I Love Rock’n’Roll“. Er: „Ich mag das, das ist ein toller Song. Das ist Rockmusik, gell? Ich liebe Rockmusik!“. Ich, beruhigt: „Ich auch, der ist ok, das kann man hören und gut finden!“ (und denke mit Schaudern an das, was ich in seinem Alter cool fand: Sinitta, Samantha Fox, Opus und so’n Kram). Etwas später er wieder: „Du Papa, ich HASSE wilde Musik„. Ich: „Na hör mal, hassen ist ein starkes Wort und Rockmusik ist doch auch wilde Musik, also …“ Er: Ok, ich mag keine wilde Musik“. Ich: „Ok, sag mal, wenn im Radio was kommt, was Du als wilde Musik bezeichnen würdest“. Es vergehen 30 Minuten, wir sind auf dem Rückweg vom Einkaufen. Im CD-Player im Auto: Placebo. Er plötzlich: „Das ist wilde Musik! Die mag ich nicht!“. Ich: „Aber das ist doch Placebo, die liebst Du doch!“ Er: „Ja, klar!“. Ich: „…“
Fortsetzung folgt. m.
Die heutige Playlist:
Timbaland feat. Nelly Furtado & SoShy: „Morning After Dark“. Was für ein geiles Video, das muss man einfach mal so sagen. Und was für ein toller Song. Nelly ist auf den Fußstapfen von Madonna und ein wenig, sagen wir mal, authentischer als „4 Minutes“ ist „Morning After Dark“ allemal .
Eine meiner absoluten Lieblingsbands (zugegeben!) – Placebo – haben bei einer Leserumfrage des Magazins Rock Sound so richtig abgeräumt: In sechs Kategorien tauchten die Jungs unter den Top 10 auf. „The Never Ending Why“ beispielsweise bei „Video des Jahres“ (Platz 5) und „Beste Single“ (Platz 6), des weiteren gab es Platzierungen in den Kategorien „Best British Band“, „Album of 2009“, „Eye Candy Of The Year“ und „Best Live Band“. Kann ich alles unterschreiben und ernstgemeinte Zweifel dran sollte es auch im Rest des Universums nicht geben.m.
Die heutige Playlist: „Deutschland sucht den Superstar“ heute nachmittag auf RTL: Meine Güte, was für eine Freakshow. Was bedeutet es für uns als Gesellschaft, Spaß dran zu finden, dem zuzusehen? Ich weiß es nicht, aber es kann eigentlich nichts gutes bedeuten…
Das Tanzfestival Movimentos, stark unterstützt von Volkswagen und eng verwoben mit der Stadt Wolfsburg, hat sein Programm für 2010 bekannt gegeben – zu gern erinnere ich mich an den April 2009, als, ebenfalls innerhalb von Movimentos, Kraftwerk drei Hallenshows im Alten Kraftwerk (sic!) auf dem Gelände der „Autostadt“ gaben und einmal mehr zeigten, wo der Hammer hängt. Aushängeschild im Popbereich ist diesmal Sting, der sich gemeinsam mit dem Bundesjugendorchester die Ehre geben wird. Na, denn …!
3sat, von mir kurz nach Silvester für die grauenvolle Auswahl der Live-Mitschnitte gerügt (02.01.10 – https://kasse4.wordpress.com/2010/01/02/3sat-an-silvester-naja/), hat vergangenes Wochenende die „schönste Oper aller Zeiten“ gekürt nach einem relativ aufwändigem Zuschauervoting. Das Ergebnis, tusch!: „La Traviata“. Traviata? Da war doch was? Ja genau, Anna Netrebko und Rolando Villazon, die sich inmitten der 2005er Inszenierung der Salzburger Festspiele in schamloser Manier durch die Gegend jagen und dabei singen. Jetzt stellt sich also die Frage, ob der typische 3-Sat-Konsument den Reizen von La Netrebko widerstehen und neutral urteilen konnte? Egal, wenigstens hat die „Zauberflöte“ mal nicht gewonnen. Egbert Tholl zieht in der „SZ“ das passende Fazit: „Die Wahl bestätigt also eher Anna Netrebko als schönste Opernsängerin aller Zeiten. Das stimmt zwar, bringt der Gattung insgesamt aber wenig“. m.
Die heutige Playlist:
The 69 Eyes – Back in Blood. Fans sprechen von der nächsten Evolutionsstufe des Gothic-Hardrocks. Ich sprech davon, dass die Scheibe nervt und langweilt. Muss man nicht gehört haben, beileibe nicht.
Drei CD-Kritiken gab es an diesem Tag an der Kasse4: Lisa Mitchell, Brandi Carlile und Ina Müller. Schönheit vor Alter. Nachzulesen in der Rubrik CD-Kritiken.
Wir sind Ruhr! Aufruhr! Herbert RuhrGrönemeyers neue Ruhrhymne „Komm zur Ruhr“ (So weit, so ur / Seelenruhr / Ich mein ja nur / Komm zur Ruhr) hat hervorragend eingeschlagen und entert nun die Charts der Downloadstores.Am besten hat das by the way bislang bei Amazon geklappt (Platz 1), gut auch bei iTunes (Platz 3) und bei Musicload (Platz 5). Für alle, die sparen wollen, sei noch drauf hingewiesen, dass der Song bei Amazon um 31 Cent günstiger zu haben ist als bei den teuersten Anbietern. Gratulation, Herr Grönemeyer!(Bericht des ZDF kucken? http://www.zdf.de/ZDFmediathek/#/beitrag/video/941062/Kulturhauptstadt:-Das-Ruhrgebiet-feiert) m.
Ach ja, der Musikjournalismus! In der aktuellen F.A.S. ist auf der Medienseite zu lesen, dass sich die „Spex“ von der Plattenrezension verabschieden will und statt dessen über Platten plaudern will. Genaueres kann ich dazu nicht sagen, weil ich mich nicht mit der „Spex“ beschäftige, aber in dem Beitrag von Diedrich Diederichsen steckt ein hübscher Satz. Ein hübscher Satz, den ich verstanden habe, muss ich ergänzen, denn sicher sind da noch mehr hübsche Sätze drin. Er beschreibt den Unterschied von Print- und Onlinejournalismus so:
„Natürlich leiden geschriebene und gedruckte Kritiken schon mal unter diesem dezisionistischem Zwang von Deadline und Zeilenlimit, während man im Netz in der immerwährenden Anschließbarkeit an das konstitutiv Offene des Online-Textes badet.“
Das ist hübsch und richtig und ich freue mich wie ein Schnitzel, dass ich demnächst mein Umfeld damit überraschen werde, immer wieder mal auf dezisionistischen Zwang hinzuweisen. Einsatzgebiete gibt es ja viele („Schatz, können wir endlich Essen bestellen?“, „Spielen wir erst Lego oder zerlegen gleich die Carrera-Bahn?“). Danke, Herr Diedrichsen, und das ist nicht im geringsten belustigend oder spöttisch gemeint. Die „Spex“ kaufe ich mir dennoch nicht.
Lustige Randnotiz aus der „F.A.S.“ vom vergangenen Sonntag: Demnach hat Bluesgott Van Morrison auf seiner eigenen Website lesen müssen, dass er mit 64 zum vierten Mal Vater geworden sei. Und dass die Mutter seines Kindes eine andere Frau als seine Ehefrau sei. Im Dementi war dann die Rede davon, dass Hacker sich der Site des Musikers zueigen gemacht hatten. Hacker mit seltsamen Humor, wie mir scheint. Warum ausgerechnet Van The Man? m.
Gratulation, Ina Müller – die smarte Hamburger Sängerin und Moderatorin darf sich nun auch zu den 100 wichtigsten Journalisten Deutschlands zählen! Das Fachmagazin „medium magazin“ hatte zur Wahl gerufen und Frau Müller könnte sich in der Kategorie „Unterhaltung“ auf Platz zwei verewigen. Vor ihr steht nur Kai Diekmann (halte man davon, was man wolle…).
Ina Müller hat es jedenfalls verdient, die Hamburgerin, die ihre Talente ganz pragmatisch mal mit „singen, sabbeln, saufen“ beschrieben hat (und damit nicht daneben liegt!) ist seit Jahren das Beste, was Fernsehen zu bieten hat. Schlechter platziert, by the way: Christoph Süß, Henryk M. Broder, Hans Zippert und Grissemann/Stermann (!). Lauschen wir jetzt der Begründung des Fachmagazins für die Platzierung:
„… weil sie 2009 „Inas Nacht“ erfolgreich in die ARD gebracht hat. Mit Müller, die Chanson und Kabarett gleichermaßen beherrscht und zudem das Plattdeutsche pflegt, hat der NDR einen echten Glücksgriff getan – und ihr 2009 mit „Stadt, Land, Ina!“ gleich die nächste Sendung anvertraut. Müller ist zudem die erste nicht-peinliche Trägerin des Deutschen Comedypreises“.
Ich möchte bescheiden ergänzen:
„… weil Sie mit „Inas Nacht“ eine Fernsehsendung macht, während der man Lachen und Staunen kann, während der die großartigsten deutschen Künstler und Bands auftreten, die es gibt, während der man Gäste von Seiten entdecken kann, die man noch nicht in x-Interviews gelesen hat. Weil Ina Müller eine wunderbare Art hat, mit Menschen umzugehen und weil sie als Erfinderin des gepflegten Altfrauen-Witzes in die Geschichte eingehen wird“.
Chapeau, Frau Müller, und das mit der „Journalistin“ müssen Sie ja nicht so ernst nehmen, das vergeht auch wieder 🙂 m.